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Ausstellung "Schriftbilder"
im Landradsamt Tuttlingen

2009

Rede zur Vernissage
Fotos - Ausstellung
Presse
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Rede zur Vernissage von Arno Specht

Sehr geehrter Herr Landrat Wolf,
sehr geehrte Damen und Herren,

wie wir alle wissen, befinden wir uns hier im Landratsamt – einem Ort also, an dem Tag für Tag hunderte von Schriftstücken verfasst, bearbeitet und abgelegt werden. Hier werden Führerscheine ausgestellt – oder eingezogen. Anträge auf Arbeitslosengeld II eingereicht, geprüft und beschieden. Anträge auf Zuschüsse für Straßenbauten oder Klinikumbauten formuliert. Hier werden Bescheide entgegengenommen und widersprochen, werden Beschlüsse formuliert und in Dienstanweisungen umgesetzt. Allesamt also Schriftstücke, die für die Betreffenden bedeutsam sind. In denen jedes Wort seine tiefe Bedeutung hat. Wo ein Satzzeichen über Schicksale entscheiden kann. Wo es einen großen Unterschied macht, ob auf einem Stück Papier nun „auf unbestimmt“ oder „bis auf weiteres“ steht.

Wir sind hier also an einem Ort der Worte. Und dieser Ort der Worte passt auf seine ganz besondere Art auch zu der Kunst von Karel Meisner.

Denn Worte stehen auch im Mittelpunkt vieler Werke von Karel Meisner. Aber seine Art, mit Schrift umzugehen, ist eine ganz andere. Sie ist frei vom Zwang, in einigen Sätzen eine unmissverständliche und klare Aussage zu treffen. Sie führt vielmehr die Schrift auf etwas Elementares zurück. Denn Karel Meisners Kunst ist eine tiefe Verneigung vor etwas Grundsätzlichem . Vor einer elementaren Kulturfähigkeit des Menschen – einer Kulturfähigkeit, ohne die es keine Bücher, keine Medien, kein geregeltes Gemeinwesen, keinen weltweiten Austausch der Menschen untereinander gäbe. Es ist eine Verneigung vor dem Buchstaben, vor dem Wort, vor dem geschriebenen Text.

Als Quelle für seine Werke nimmt Karel Meisner die verschiedensten Arten von Texten. Mal sind es Zitate aus Zeitungen, mal aus der Literatur, mal sind es spontane Empfindungen zu aktuellen Themen, mal sind es ganz freie Gedanken.

Doch Karel Meisner schreibt diese Gedanken nicht einfach nieder. Er verfremdet sie. Und dadurch gibt er ihnen einerseits einen hermetischen Charakter, gleichzeitig erhöht er sie. Er gibt auch einem einfachen Text die Aura des Kunstwerks.

Neben der Schrift spielt die Farbe eine zentrale Rolle in seinen Werken. Seine Farben spiegeln Stimmungen wieder – Wärme, Geborgenheit und Harmonie, aber auch Spannung oder Dissonanz. Sie sind Zeichen, Symbole und versteckte Botschaften – manchmal plakativ wie das Logo einer Werbebotschaft, manchmal einfach für sich stehend.

Doch bei seiner Arbeit hat Karel Meisner selten das fertige Kunstwerk vor Augen. Er will nicht ein Bild aus seiner Vorstellung abmalen. Seine Arbeiten sind ein Prozess, ein Wachstum, das ohne festen Plan beginnt. Das gibt seinen Werken etwas Organisches, etwas Natürliches. Nicht umsonst vergleicht Karel Meisner seine Arbeit auch mit der eines Gärtners – und das in zweierlei Hinsicht: Für ihn ist Kunst zum einen eine intensive Auseinandersetzung mit der Materie. Er spürt Farbe und Leinwand so, wie der Gärtner die Erde spürt. Und dann ist es eine Arbeit, bei der das Produkt auch sein Eigenleben hat, wächst und eigene Entwicklungen und Veränderungen hervorruft und bei dem der Gärtner oder Künstler zwar steuernd eingreift, das Eigenleben des Wachsenden aber akzeptiert. „Das Material arbeitet mit“, sagt er.

Es ist dieses bescheidene Selbstverständnis, das Karel Meisner sehr sympathisch macht. Seine Arbeit ist ein Gegenentwurf zu den Allmachtsphantasien des Künstlers, der sich als allmächtiger Schöpfer einer eigenen Welt sieht.

Diese Arbeit kann sich trotzdem hinziehen. Karel Meisner legt Schicht über Schicht, mal mit Buntstift, mal in Acryl oder Kasein. Er klebt Teile ab, übermalt andere, lässt Partien wieder verschwinden und andere durchscheinen. Manche Arbeiten legt er auch für Monate wieder zur Seite, um Abstand zum Thema zu gewinnen, um neue Überlegungen reifen zu lassen. Und dann kann er sich dazu entschließen, einem Werk einen ganz anderen Charakter zu geben, als es zuvor noch aussah.

Auf diese Weise bekommt jede der Arbeiten von Karel Meisner ihre ganz eigene Biographie. Und so, wie in der Biographie eines Menschen am Anfang noch alles offen ist, können sich auch in der Biographie seiner Arbeiten unerwartete Brüche und Wendungen ergeben.

Vielleicht ist dies auch ein Spiegelbild von Karel Meisners eigener Biographie. Denn auch sie führte nicht auf dem direktesten Weg zur Bildenden Kunst. Auch in ihr gab es Wendungen und Überraschungen.

Geboren wurde Karel Meisner 1949 in Ostrov in der damaligen Tschechoslowakei. 1969 siedelte Familie Meisner nach Deutschland über, und wenig später begann Karel Meisner als Autodidakt beruflich Fuß zu fassen: Er arbeitete in Tübingen und Stuttgart als Plakatmaler für verschiedene Kaufhäuser.

Es war ein Beruf, unter dem sich die Jüngeren heute nichts mehr vorstellen können. Genau so wenig, wie man sich heute vorstellen kann, dass früher große Kinos eigene Kinomaler beschäftigten, die auf großen Formaten die Konterfeis der Stars malten, die dann quadratmetergroß an der Fassade hingen. Es war eine temporäre Kunst, die in Zeiten der elektronischen Bildbearbeitung, der Grafikprogramme und des Digitaldrucks quasi ausgestorben ist. Es war aber auch eine Kunst, die ein Berufsbild prägte, in dem handwerkliches Können und Kreativität gleichermaßen von entscheidender Bedeutung waren.

1973 beschloss der Autodidakt Karel Meisner, seine Fähigkeiten zu professionalisieren. An der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart studierte er Grafik-Design und schloss dieses Studium als Diplom-Designer ab.

Seit 1980 lebt Karel Meisner in Trossingen. Und hier arbeitet er seither als freischaffender Grafiker und Künstler.

Künstler und Werbegrafiker – auf den ersten Blick sind die Grenzen hier fließend. Und nicht selten waren es auch Künstler, die gute Werbung machten. Und umgekehrt griffen nicht nur zu den Zeiten der Pop Art Künstler auf Stilelemente der Werbung zurück. Doch gleichzeitig erfordern diese Disziplinen eine grundlegend verschiedene Herangehensweise. Denn als Künstler muss Karel Meisner die Prinzipien des Werbegrafikers ins Gegenteil verkehren.

Zwar arbeitet er mit den gleichen Mitteln:

Er arbeitet mit Buchstaben, Mustern und Farbe
Er schafft aus den Details ein stimmiges Ganzes
Er schafft Werke, die die Blicke des Betrachters anziehen.

Aber gleichzeitig macht er Dinge, die ein Werbegrafiker nie dürfte:

Er wirft Fragen auf
Er schafft freie Gedankenwelten
Er fordert seine Betrachter auf, ihren eigenen Assoziationen zu folgen.

Karel Meisner macht uns ein Angebot. Ein Angebot, uns auf seine Gedankenwelt einzulassen, in seine ganz persönlichen Bezüge und Überlegungen einzutauchen – oder uns unsere ganz eigenen Gedanken zu machen, in seinen Bildern Aussagen und Geschichten zu entdecken, auf die er selber nie gekommen wäre. Er gibt uns die Freiheit, uns unsere eigene Gedankenwelt zu schaffen – und sie auch wieder an ihn zurück zu geben.

Karel Meisner selber gibt uns keine Deutungen vor. Und deshalb tragen die meisten seiner Werke auch keine Titel. Er will uns keine vorformulierten Botschaften aufzwängen. Er will uns auf eine Reise einladen. Eine Reise, von der wir alle nur gewinnen können.

Ich wünsche Ihnen eine gute Reise und viele spannende Anregungen.


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