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Einführung: Dr. Hannelore Kunz-Ott
„Bilder und Buchstaben“ heißt die Ausstellung, die heute eröffnet wird. Der Nikolaus hat uns einen ganzen Sack voller Grafiken und Gemälde mitgebracht, die wir hier im Podium bis zum 8. März bestaunen können. Die Werke stammen von zwei Künstlern, von Irmgard Kuisle und Karel Meisner, die ich Ihnen kurz mit einigen Lebensdaten vorstellen möchte.
Irmgard Kuisle, den Kaufbeurern unter ihnen wohl bekannt, stammt aus der Nähe von Freiburg und absolvierte eine Ausbildung als grafische Zeichnerin. Von 1974 bis 1979 studierte sie Grafik-Design an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart und schloss als Diplom Designerin ab. Seit 1986 lebt sie mit ihrer Familie in Kaufbeuren und arbeitet hier seit 1990 al selbständige Designerin.
Karel Meisner ist in Ostrov geboren und begann nach seiner Übersiedelung nach Deutschland als Plakatmaler zu arbeiten. Er absolvierte das gleiche Studium wie Irmgard Kuisle in Stuttgart, das er ebenfalls als Diplom Designer abschloss. Er lebt und arbeitet seit 1981 freischaffend in Trossingen.
Beide haben an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, ihre Werke sind von privaten und öffentlichen Sammlungen angekauft worden.
Beide hier ausgestellten Künstler kennen sich also seit Studienzeiten, ihre Freundschaft hat all die Jahre überdauert. Es lag daher natürlich in der Luft, einmal eine gemeinsame Ausstellung zu organisieren, in der man die künstlerischen Werke der beiden Studienkollegen zusammen präsentiert. In einer gemeinsamen Ausstellung kann man vergleichen, wie Künstler, trotz gleicher gemeinsamer künstlerischer Wurzeln, zwar ähnliche aber dennoch unterschiedliche Wege gehen.
Bevor wir uns den ausgestellten Werken nähern, ein paar Worte zum Ausstellungstitel: Bilder und Buchstaben. Bilder und Buchstaben sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Medien und sprechen unterschiedliche Wahrnehmungen an: Bilder sollen wir anschauen, betrachten – Buchstaben dagegen lesen, sie ergeben Wörter, Sätze, Texte, Aussagen und Inhalte. Was bedeutet nun die Kombination beider Medien in einer Kunstausstellung? Sollen wir hier nun die Bilder lesen und die Buchstaben anschauen und betrachten?
Was erwartet uns also hier? Erlauben Sie mir einige Wortspiele:
Sehen wir hier das
- Bild im Wort oder Worte im Bild ?
Sehen wir Bilder aus Worten oder
- Klangbilder und Bildbotschaften ?
Buchstaben oder Wörter im Bild spielen in der modernen bis hin zur zeitgenössischen Kunst eine zentrale Rolle. Ich denke hier nicht an Inschriften, wie wir sie aus mittelalterlichen Handschriften mit den prachtvoll ausstaffierten Initialen kennen oder an religiöse Verse in der kirchlichen Kunst oder etwa an Comics in der Moderne, sondern an Buchstaben, die als eigenständige Bildelemente im Kunstwerk Verwendung finden.
Die Ästhetik der Buchstaben, der Zahlen und Zeichen haben erstmals Künstler wie Pablo Picasso und George Braque Anfang des 20. Jh., um 1911, entdeckt. Sie streuten einzelnen Buchstaben scheinbar ziellos quer über ihre Bilder. Gerade der Schablonenbuchstabe, bekannt von bemalten Kisten und Plakaten, bringt in den Bildern der kubistischen Maler als gestalthaftes, vieldeutiges Ausdrucksmittel das Alltägliche auf die Leinwand.
Auch der Expressionist Paul Klee spielt zehn bis zwanzig Jahre später mit dem Buchstaben und seiner gestalterischen Form. In über 300 Bildern setzt er Buchstaben einerseits als grafisches Gebilde ein, andererseits aber auch als Abkürzung eines Wortes und damit stellvertretend für eine Idee, einen Inhalt.
Die genannten Künstler öffneten damit Grenzen: Sie wollten die traditionelle Mauer zwischen Literatur und Malerei einreißen. Ihnen gelang damit zweierlei: der Buchstabe, das Wort erhielt somit eine optische Form und wurde zum Stilmittel – dem Bild gaben sie zusätzlichen Sinngehalt.
Eine andere Richtung gingen die Künstler der sog. kalligrafischen Malerei. Vielleicht angeregt durch chinesische und japanische kalligrafische Vorbilder schufen sie abstrakte Kunstwerke, in denen schreibenden Charakter des Pinselstriches betonten.
Bei vielen zeitgenössischen Künstlern, angefangen vom Popkünstler Andy Warhol, über Josef Beuys, Josef Kosuth oder Jenny Holzer, steht der Buchstabe, das Wort und damit der Inhalt ganz im Vordergrund. Wobei damit oftmals eine sozialkritische oder politische Aussage ihr Hauptanliegen ist.
Ich habe diesen historischen Bogen gespannt, um uns die Einordnung der Bilder von Irmgard Kuisle und Karel Meisner zu erleichtern. Ihre Werke stehen im deutlichen Gegensatz zu den lautstarken politischen Strömungen zeitgenössischer Medienkünstler. Die hier ausgestellten eher leisen, poetischen Bilder halten es mit ihren kalligrafischen Motiven und Techniken eher mit dem Goethe Zitat:
Bilde Künstler, rede nicht!
Irmgard Kuisle wie Karel Meisner arbeiten beide in unterschiedlichen Techniken, die sie immer wieder kombinieren: Es dominiert als Farbe Tusche, mit der sie spritzen, waschen, wischen, abdecken, freilassen oder Schichten übermalen. Im Gegensatz zur Ölmalerei, wo man durch Übermalen verändern oder verbessern kann, sind in ihren Techniken falsche Striche oder Fehler nicht korrigierbar.
Irmgard Kuisle verwendet darüber hinaus gerne das Mittel der Collage: Strukturierte Farbflächen oder interessante Textstellen -gedruckt oder selber geschrieben- werden gerissen, zerschnitten, gedreht, gekippt und aufgeklebt. Ihren großen Erfahrungsreichtum im Umgang mit Typographie merkt man deutlich: Irmgard Kuisle kombiniert in ihren Bildern verschiedene Schriftarten, die ganz unterschiedlichen Aussagekraft besitzen, mit entsprechenden Farbklängen. Hier mittelalterliche handgeschriebene Texte, dort eine gedruckte moderne, elegante Type oder altertümliche blockhafte Buchstaben. Dazu wählt sie passende Farbtöne: einmal erdfarbene, dumpfe Flächen, dann eher eine leuchtende helle Farbigkeit oder zarte poetische Farben. Obwohl wir die Worte und Textstücke nicht immer entziffern oder nur bruchstückhaft lesen können, erhält die Bildaussage hierdurch, aber auch durch die Verwendung der Collage eine zusätzliche inhaltliche Ebene, eine tiefere Dimension.
Bei einer Reihe jüngerer Bilder kommt ein stärkeres zeichnerisches Element hinzu: Irmgard Kuisle hält markante Menschen in speziellen, für sie typischen Situationen mit gekonntem, sicheren Zeichenstrich im Bilde fest. Sie notiert sozusagen mit ihren künstlerischen Mitteln eine persönliche Momentaufnahme, erfasst zeichnerisch eine besondere Stimmung oder Atmosphäre. Dabei hebt sie das Wesentliche zeichnerisch detailliert hervor und setzt demgegenüber durch den Einsatz von Collageelementen einen spannungsreichen Kontrapunkt.
Karel Meisner ist der malerischere Künstler von beiden. . In zarteste, differenzierteste Farbflächen platziert er Schriftzeichen oder Symbole. Die Textzeilen in seinen Bildern reduziert er bis zur Unlesbarkeit Der Betrachter bemüht sich vergeblich, die Schrift zu entziffern, keine Chance: Karel Meisner scheint eine neue Zeichensprache erfunden zu haben. Während man bei den Bildern von Irmgard Kuisle die geplante Struktur, die konstruierte Form herauslesen kann, spürt man in den Bildern von Karel Meisner das Zufällige, das Ungeplante, das Spontane. Buchstaben oder Schrift sind nicht vorher bestimmt, sie scheinen gleichsam während des Malprozesses aufzutauchen und werden dann intuitiv vom Maler in das Bild integriert. Manchmal verschwimmen sie zum reinen Pinselstrich, ihre ursprüngliche Form kann der Bertachter gerade noch erahnen. In einigen Werken glaubt man, den Maler vor sich zu sehen, wie er, fast wie im Rausch, mit schnellen, dynamischen Pinselstrichen die Leinwand bearbeitet.
In den kleinformatigen Bildern spielen Buchstaben, spielt Schrift noch eine dominante, zentrale Rolle. Das zentrale Bildmotiv setzt sich aus einer Komposition von Schriftzeichen zusammen, manchmal glauben wir eine neue mathematische Formel vor uns zu sehen.
Die großformatigen Werke sprechen dagegen eine andere Sprache: im Zentrum steht nun ein Zeichen, ein Symbol, das von Textzeilen, Pfeilen und Strichen scheinbar erklärt wird. Ein Denkprozess, ein komplexer Gedankengang mit Argumenten für und wider erscheint uns auf der Leinwand. Man glaubt zu spüren, wie der Künstler mit dem Bild kommuniziert, während er es malt. Aber der Künstler erläutert uns nicht dessen Inhalt, indem er uns mit einem Bildtitel auf die Sprünge hilft. Hier ist der Betrachter selber aufgerufen, seine eigene Interpretation zu erstellen. Karel Meisner möchte, wie er selber sagt, keine Botschaften weitergeben. Er hält damit natürlich auch seine Gedanken vor uns verschlossen, öffnet uns Betrachtern damit aber auch alle interpretatorischen Wege, die wir in seinen Bildern sehen.
Irmgard Kuisle dagegen nutzt die Buchstaben in ihren Werken, aber auch die Bildtitel, um mit uns in Kommunikation zu treten. Beiden Künstlern merkt man ihre gemeinsamen künstlerischen Wurzeln in der Schriftkunst deutlich an. Beide haben sich aber auf ganz unterschiedliche Weise von diesen Wurzeln befreit. Gemeinsam haben sie überwiegend stille, poetische Bilder geschaffen, die den Betrachter fordern, die von ihm verlangen, dass er sich intensiv mit ihnen auseinandersetzt.
Die Ausstellung könnte zu keiner geeigneteren Jahreszeit hier im Podium gezeigt werden. Die sog. „stade“ Weihnachtszeit bietet sich gerade zu an, sich auf die Bilder von Irmgard Kuisle und Karel Meisner in Ruhe einzulassen. Und hierzu möchte ich Sie nun herzlich einladen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
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